China altert und erlebt die Grenzen der Planbarkeit (nzz.ch)

CZ - 24.09.2019
Zurück zur Übersicht

Alle Angaben ohne Gewähr. Verfügbarkeit, Änderungen und Irrtümer vorbehalten.


China altert und erlebt die Grenzen der Planbarkeit

(Quelle: nzz.ch, Matthias Stepan, 18.08.2019)


Das Ende der Ein-Kind-Politik in China bringt nicht den gewünschten Babyboom. Chinas Führung steht unter dem Druck einer alternden Gesellschaft, sieht aber auch Chancen im demografischen Wandel.


«Nur ein Kind zu bekommen, ist gut.» Mit diesem oder anderen einfachen Slogans warb die chinesische Regierung bis vor drei Jahren für die Ein-Kind-Politik, mit der sie seit 1979 das Bevölkerungswachstum zu kontrollieren versuchte. Tatsächlich gelang es, dieses deutlich zu drosseln und seinerzeit drohende Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Konsumgütern abzuwenden. Die Sorge der kommunistischen Führung Chinas war zu jener Zeit real: Nach langen Jahren der Besatzung und des Krieges hatte sich die Bevölkerungszahl von 1949 bis 1979 auf rund 970 Millionen Menschen nahezu verdoppelt – für das Land mit seiner damals noch unterentwickelten Wirtschaft eine kaum zu stemmende Herausforderung.

Beinahe vier Jahrzehnte später ist das Resultat der Ein-Kind-Politik deutlich sichtbar: 2017 lebten – aktuellere Zahlen liegen nicht vor – rund 1,4 Milliarden Menschen in der Volksrepublik. Doch die strenge Geburtenkontrolle, die in manchen Landesteilen äusserst rabiat – mit Zwangsabtreibungen, Sterilisationen, hohen Strafzahlungen oder gar Haft – durchgesetzt wurde, brachte auch ein demografisches Problem: Chinas Gesellschaft altert rasant, weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter werden bald für eine grosse Zahl von Rentnern aufkommen müssen. Bereits heute kommt bei den Rentenkassen ein Rentenempfänger auf drei Beitragszahler. Aus diesem Grund wagte die Regierung in Peking vor zwei Jahren einen historischen Schritt, indem sie fortan zwei Kinder gestattete. Doch es zeigt sich bereits jetzt, dass das Umsteuern bei der Familienpolitik zu spät kommt.

Kind oder Karriere
Denn nur wenige Chinesen nutzen die neuen Freiheiten. Statt der erhofften drei Millionen wurde nur eine Million zusätzliche Geburten verbucht – die Gesamtzahl der Geburten 2016 und 2017 überstieg den Schnitt der fünf vorangegangen Jahre um nur sechs Prozent.

Die Gründe für die fehlende Lust an grösseren Familien im eigentlich kinderbegeisterten China sind vielschichtig. In den grossen Metropolen fürchten Frauen um ihre Karriere: Denn selbst wenn die Grosseltern mithelfen können (und das ist bei vom Land zugezogenen Chinesinnen oft nicht der Fall), lassen sich Beruf und mehr als ein Kind nur schwer vereinbaren. Landesweit fürchten junge Familien zudem die Kosten für eine gute Ausbildung ihrer Kinder und den Druck, diesen einen möglichst hohen Lebensstandard zu bieten. Kindergärten und ausserschulische Angebote sind teuer und machen häufig rund zehn Prozent der Haushaltsausgaben von Familien in Städten aus. Wer seinem Nachwuchs einen guten Start in die Karriere verschaffen möchte, muss viel Geld aufbringen, wenn das Fernziel Elite-Universität oder Spitzenjob lautet. Bei einem Kind mag das für eine Familie aus der chinesischen Mittelklasse noch klappen, doch mit zweien wird es schwierig.

Chinas Bevölkerung altert rapid, die Arbeiterschaft schrumpft, und die Kosten für das Sozialsystem steigen.

Die Chinesen haben sich nach Jahrzehnten des Zwangs in der Ein-Kind-Familie offenbar ganz gut eingerichtet. Einen nennenswerten Anstieg bei den Geburten dürften auch in manchen Provinzen erlassene Zwangsmassnahmen wie etwa striktere Abtreibungsgesetze nicht bringen.

In der Familienpolitik Chinas zeigen sich die Grenzen der Planbarkeit. Die Ein-Kind-Politik verringerte nach Schätzungen chinesischer Statistiker zwar tatsächlich die Geburtenzahl. Sie gehen von rund 400 Millionen weniger Geburten in diesem Zeitraum aus, Berechnungen ausländischer Demografen haben dies bestätigt.


"Weiter zum vollständigen Artikel auf nzz.ch"

https://www.nzz.ch/meinung/china-altert-und-erlebt-die-grenzen-der-planbarkeit-ld.1406076

Bildquelle: Print Screen nzz.ch


Ihre Meinung / Ihr Kommentar


  Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich einverstanden.
  Ich habe die AGB's gelesen und erkläre mich einverstanden.